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So heftig ist die fünfte Corona-Welle im Zeitvergleich

Vergleichen Sie die aktuellen Fallzahlen mit dem Höhepunkt der zweiten, dritten und vierten Welle – oder wählen Sie jeden beliebigen Zeitraum. Unser Tool zeigt, wie sich die Ansteckungen, Hospitalisierungen und Todesfälle entwickelt haben.

Yannick Wiget, Sebastian Broschinski, Oliver Zihlmann, Marc Brupbacher
Aktualisiert am 25. November 2021

Seit sechs Wochen explodieren die Corona-Fallzahlen in der Schweiz. Mitte Oktober gab es im Schnitt noch weniger als 900 Neuinfektionen pro Tag, heute sind es fast 6200 – siebenmal mehr. Mittlerweile werden schon wieder beinahe so viele Fälle gezählt wie im November letzten Jahres, dafür weniger Hospitalisierungen. Das zeigt unser interaktives Tool, bei dem Sie jeden beliebigen Zeitraum vergleichen können:

Kanton auswählen
Höchstwerte der Fälle auswählen
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53531414-74%-74%2. Nov. 2020 – 25. Nov. 20212. Nov. 2020 – 25. Nov. 2021TodesfälleTodesfällei
347347180180-48%-48%2. Nov. 2020 – 25. Nov. 20212. Nov. 2020 – 25. Nov. 2021IntensivstationIntensivstationi
2412418686-64%-64%2. Nov. 2020 – 25. Nov. 20212. Nov. 2020 – 25. Nov. 2021SpitaleintritteSpitaleintrittei
7976797661996199-22%-22%1. Nov. 2020 – 25. Nov. 20211. Nov. 2020 – 25. Nov. 2021Bestätigte FälleBestätigte Fällei

Bis zum Höhepunkt der zweiten Welle der Pandemie am 2. November 2020 fehlt nicht mehr viel. Aktuell werden (noch) 23 Prozent weniger Fälle gemeldet als damals. Gleichzeitig ist die Zahl der Spitaleintritte aber 64 Prozent tiefer und diejenige der Todesfälle gar 74 Prozent. Denn eine Mehrheit der Erwachsenen in der Schweiz ist inzwischen geimpft, und die Impfung schützt effektiv vor schweren Covid-Verläufen, wie sich hier zeigt.

Noch deutlicher offenbart sich der Impfeffekt beim Vergleich zur dritten Welle, die ihren Peak am 12. April hatte. Damals gab es deutlich weniger Fälle als heute. Und trotzdem mussten praktisch gleich viele Infizierte ins Spital, weil eben erst wenige geimpft waren. Derzeit werden nur 1,4 Prozent der Erkrankten hospitalisiert und damit dreimal weniger als noch im April. Als positive Folge davon ist aktuell auch die Belegung der Intensivstationen tiefer.

Im Gegensatz zur zweiten Welle würden den Spitälern dieses Mal nicht die Hochbetagten Sorge bereiten, sondern die Jüngeren. Ersteren könne man meist schon in der Normalstation sehr gut helfen, weil sie fast alle geimpft seien, erklärt Huldrych Günthard, Leitender Arzt an der Infektiologie am Unispital Zürich. «Ältere Patienten müssen bei uns praktisch nicht mehr auf die Intensivstation. Daran sieht man, wie sehr die Impfung gegen die Überlastung der Spitäler hilft», sagt Günthard.

Doch die Erfolge bei den Älteren nützen in der nun fünften Welle wenig. Denn nun müssen zunehmend ungeimpfte Jüngere in die Covid-Stationen der Spitäler in der ganzen Schweiz eingeliefert werden. «Die aktuell hospitalisierten Patienten sind zwischen 35 und 65 Jahre alt», sagt Philipp Lutz, Sprecher des Kantonsspitals St. Gallen. Und er fügt an: «Die meisten sind nicht geimpft.» Ein ähnliches Bild herrscht am Berner Inselspital, wo die Patientinnen laut der Medienstelle mehrheitlich 40- bis 60-jährig sind und nicht immunisiert. An anderen Standorten gibt es gar ungeimpfte Patienten unter 35.

«Anders als die geimpften Betagten kommen die jungen Ungeimpften oft so spät, dass wir ihnen auf der Normalstation nicht mehr helfen können», sagt Günthard. «Viele müssen sogar direkt aus der Notfallstation in die Intensivstation.»

Und die Befürchtung ist, dass ihre Zahl in den kommenden Wochen massiv steigen wird. Denn bis jetzt war es immer so, dass sich die Lage in den Spitälern erst mit einer gewissen Verzögerung zuspitzte. Das sieht man gut bei der Entwicklung der zweiten Welle: Als die Kurve der Ansteckungen schon wieder abflachte, blieben die Hospitalisierungen noch länger hoch, und die Belegung der Intensivstationen und die Zahl der Todesfälle stiegen sogar noch.

«Die Dynamik ist unaufhaltsam.»

Huldrych Günthard, Infektiologe am Unispital Zürich

Was droht also der Schweiz, wenn sich die aktuelle Entwicklung fortsetzt? «Vielleicht reduziert sich das Verhältnis zwischen Neuinfektionen und Hospitalisierungen etwas. Aber die Hospitalisationen werden sicher ähnlich ansteigen wie vor einem Jahr», sagt Christian Althaus, Epidemiologe der Universität Bern. Auch die wissenschaftliche Taskforce des Bundes warnt davor, dass die Belastung in den nächsten Wochen weiter steigen wird. Derzeit nimmt sie um 40 Prozent pro Woche zu. Wenn es so weitergehe, sagte Taskforce-Chefin Tanja Stadler, «dann stehen wir in drei Wochen am gleichen Ort wie Österreich heute».

Althaus glaubt, dass der Trend solange anhalten wird, bis die Leute entweder von sich aus vorsichtiger werden und ihre Kontakte reduzieren oder neue Massnahmen eingeführt werden. Die Kantone diskutieren momentan über verschiedene Möglichkeiten, etwa eine Maskenpflicht an Schulen oder regelmässige Corona-Tests. Aber kommt das nicht zu spät? Infektiologe Günthard rechnet jedenfalls mit einer massiven Spitalbelastung spätestens in der zweiten Dezemberwoche: «Die Dynamik ist unaufhaltsam, obwohl wir mit der Impfung ein Mittel gehabt hätten, das weitgehend aufzuhalten. Das ist einfach ernüchternd.»